ID 113785
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Den Verlust erzählen : Über Günter Grass nach der Vereinigung Deutschlands
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Grass sagt in seinem Buch "Rede vom Verlust“ (1992), daß die Informationen aus den Massenmedien vornehmlich auf Sensationen beruhen, so daß man sich nicht für die aktuellen Geschehnisse interessiert. Und auch in anderen Essays redet er davon, daß die meisten Intelektuellen der Wiedervereinigung Deutschlands gegenüber unkritisch eingestellt sind, daß die Massenmedien andere Denkarten ausblenden, und daß in ihnen ein, flacher Ton‘ herrscht. Dagegen versucht sein Roman "Unkenrufe“ (1992) die Funktion aufzuzeigen, die man nicht von den Massenmedien, sondern von der Literatur erwarten sollte.
Dieser Roman erzählt die Geschichte eines alten Paars, das den Plan gefaßt hat, parallel zu dem Fall der Berliner Mauer und dem Prozeß der Wiedervereinigung Deutschlands, deutsche Friedhöfe in Polen zu errichten. Hier ist die nahe Vergangenheit behandelt, weshalb Grass gezwungen war, eine dritte Person zwecks Objektivierung als, Erzähler-Ich‘ einzuführen, die vom Protagonisten Reschke erzählt. Dieser Erzähler kann nicht unbedingt so frei wie die bisherigen Grass'schen Erzähler imaginieren. Der Charakter des Romans liegt darin, daß der Ich-Erzähler die Bedingungen, die seine reiche Phantasie einengen, annimmt. Dies führt zu einem Dilemma des Erzählers, weil er sich zwischen seiner Lust erzählerisch zu schreiben und dem Gezwungensein darstellend zu schreiben, entscheiden muß. Der dichterisch talentierte Erzähler wird damit gezwungen, diese unangenehme Situation zu ertragen, oder wie Grass es nennt, , Kröten zu schlucken‘.
Trotzdem bleibt der Erzähler nicht immer ein objektiv schreibender Darsteller, und beklagt sich manchmal darüber bei dem verstorbenen Protagonisten. Sein Flüstern verbindet die Reportage mit der Realität und vermittelt zwischen dem Erzählen und dem Darstellen. Der Erzähler fängt damit an, sich mit den Informationen über den Protagonisten zu befassen. Das heißt, das Erzählen wird personifiziert. So ein Versuch, verschiedene Infomationen mittels der Imagination personifizierend einzufangen, bedeutet eine neue Beziehung zwischen Subjek und Objekt. Jedenfalls lebt das Paar, nur in der Beziehung zwischen, Ich‘ und dem Paar, oder zwischen dem, Ich‘ und der aktuellen Welt, und nur dort wird die Gegenwart eingefangen.
So bedeutet das Erzählen von der Vergangenheit des Paares auch, für die Verlorenen, die Heimat‘ ausfindig zu machen. Die Literatur versucht hier, die verlorene Zeit, die verlorenen Orte und die verlorenen Leute in die Zukunft zu retten. Nach Grass heißt das Erzählen vom Verlust, mit Hilfe der Sprache den Verlust zwar nicht wettzumachen, aber dock, Wörter wie Bruchstücke zusammenfügend, zu etwas zu gestalten, dem der Verlust ablesbar wird.
Gegenwärtig ist es schwer, das Primäre zu fühlen. Dagegen geht es für Grass nicht um den Ausdruck des Primären, sondern darum, dessen, Schale‘ zu rekonstruieren. Da sie, wie das Grass'sche poetische Bild der, Windhühner‘, keinen Platz verlangt, spiegelt sie die Phantasie und läßt uns die Tiefe der anderen Wirklichkeit ahnen.
Unsere Gegenwart bedarf eines solchen Schriftstellers, der mit nuancierenden Worten den Verlust in Verbindung mit einem, Ich‘ erzählen kann, weil der große Einfluß der Massenmedien unsere Sinne betäubt. Grass bildet einen Kommunikationsplatz für die andersartigen Leute, die sich oberflächlich nicht treffen können. Darin liegt die Vergangenheit von seiner Generation und auch ihre Zukunft.
Journal Title
Die Deutsche Literatur
ISSN
03872831
21870020
NCID
AN10171164
Publisher
日本独文学会
Volume
95
Start Page
45
End Page
54
Published Date
1995-10-01
EDB ID
DOI (Published Version)
URL ( Publisher's Version )
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language
jpn
TextVersion
Publisher
departments
Integrated Arts and Sciences